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Wie lang ist der Rhein?
Hier und im neuen Heft der "Beiträge zur Rheinkunde"
Nr. 61, 2009 finden Sie die Originalveröffentlichung
zu dieser Frage.
Dem Interessierten empfehlen wir noch den Artikel "Die
Länge des Rheins und seine Vermessung" aus Heft
24 (1972) der "Beiträge zur Rheinkunde" in
dem die Entwicklung der Längenangaben von der Antike
bis zur Gegenwart beschrieben ist.
Wie lang ist der Rhein?
von Bruno P. Kremer
Im Zusammenhang mit den Recherchen zu einer in Vorbereitung
befindlichen neuen Monographie über den Rhein, die
vor allem geografisch-hydrografische Sachverhalte aufbereiten
wird, interessierte verständlicherweise auch seine
genaue Fließlänge. Bei der Sichtung des relevanten
Rheinschrifttums fiel nun überraschend auf, dass die
durchweg als seriös einzustufende naturwissenschaftliche
bzw. naturkundliche Literatur oder entsprechend zu bewertende
Referenzwerke wie Konversationslexika für die Länge
des Rheins bemerkenswert divergierende Werte angeben, die
bislang offenbar noch nicht Gegenstand einer kritischen
Überprüfung waren. Als Beispiele einer unterdessen
auf einige Dutzend angewachsenen Sammlung unterschiedlicher
Längenangaben können die folgenden Zitate dienen:
Eine 1967 erschienene Informationsschrift der Wasser-
und Schifffahrtsdirektion Mainz über Rhein und Mosel
gibt die Rheinlänge mit 1320 km an.
Die gleiche Flusslänge wird auch im Kompendium
der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest"
(Mainz 2007) angegeben.
Dieser Wert erscheint auch in einer für die
gymnasiale Oberstufe konzipierten Kollegschrift (Reichelt
1983).
Sowie in einem WWF-Tagungsbericht (Kamp et al. 1990).
H. J. Tümmers beschließt seine unbedingt
lesenswerte, weil ausgesprochen detailliert und sachkundig
dargestellte Rheinreise (1994) ebenfalls mit der Längenangabe
1320 km.
Sie ist so auch in der jüngsten Auflage des
dtv-Lexikon (Band 18, 2006) zu erfahren, dem der Große
Brockhaus zugrunde liegt.
Sie findet sich ferner in einem in dieser Zeitschrift
erschienenen Beitrag (Tippner und Hils 2000)
in einem ansonsten sehr sorgfältig edierten
nautischen Handbuch für Rheinsportschiffer (FenzI 2007)
sowie in fast allen Darstellungen zur Kulturgeschichte
der rheinischen Landschaft (z. B. Oster 2007).
Die Länge 1320 km verkündet auch eine an
der von der Touristikbranche an der angeblichen Rheinquelle
installierte Tafel am Auslauf des Lai da Tuma (Tomasee)
im westlichen Graubünden.
Eine ökologische Übersicht zum Rhein des
Umweltbundesamtes geht ebenfalls ausdrücklich von der
Gesamtlänge 1320 km aus (www.umwelt-bundesamt.de/umweltproben/upb33.htm;
letzter Zugriff: 28. 6. 2009)
Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia (letzter
überprüfender Zugriff 28. 6. 2009) beziffert die
Rheinlänge sogar mit 1324 km.
Eine Anzahl weiterer bisher aufgefundener Längenangaben
bleibt dagegen deutlich unter dem letztgenannten Höchstwert.
Eine kleine Auswahl mag diesen Sachverhalt belegen:
So führt beispielsweise das Herder-Konversationslexikon
von 1907 eine Länge von 1246 km an
Spies (1922) benennt in seinem Führer durch
das Rheinmuseum in Koblenz die Rheinlänge mit 1238
km.
Eine Untersuchung über die Geschichte der Rheinvermessung
(Kuhr 1972) kommt auf 1237,6 km.
Eine Aufsatzanthologie zur Ökosystemforschung
in den Rheinauen (Tittizer und Krebs 1996) enthält
die Angabe 1236 km.
Die Schrift Der Rhein unter der Einwirkung
des Menschen - Ausbau, Schiffahrt, Wasserwirtschaft"
(Lelystad 1993) der Internationalen Kommission für
die Hydrologie des Rheingebietes benennt rund 1250
km"
Der rechnerische Durchschnitt der letzteren Zahlengruppe
(bisher 22 Angaben berücksichtigt) liegt bei etwa 1230
km. Somit überrascht die ältere ebenso wie die
jüngere verfügbare wissenschaftliche und amtliche
Rheinliteratur mit zwei doch recht stark voneinander abweichenden
Werten, die sich konsistent auf die beiden Wertegruppen
1320 km sowie etwa 1230 km verteilen lassen: Die große
Mehrzahl der älteren Angaben bewegt sich dabei durchweg
im Bereich von 1230 km, die deutlich jüngeren Publikationen
gehen dagegen erstaunlicherweise eher von 1320 km aus. Alle
oben benannten jüngeren Längenangaben beziehen
sich übrigens auf einen Zeitraum, in dem die bekannten
Tulla'schen Korrektionen (1817-1878) am Oberrhein mit einer
effektiven Laufverkürzung um insgesamt etwa 81 km längst
abgeschlossen waren und auch anderwärts keine weiteren
einkürzenden Mäanderdurchstiche mehr erfolgt sind.
Die nach Literaturangaben bestehende Längendiskrepanz
von rund 90 km kommt allerdings der Gesamtverkürzung
des Reinlaufs in der Folge der Rheinkorrektion während
des 19. Jahrhunderts verdächtig nahe. So besteht immerhin
die begründbare Möglichkeit, dass selbst moderne
Darstellungen des Rheins mit einer Zahlenangabe unbekannter
Provenienz aus der vorindustriellen Zeit des Rheins operieren.
Die divergierenden Angaben sind aber dennoch völlig
unbefriedigend und so natürlich nicht einfach hinnehmbar.
Auf dem Hintergrund dieses reichlich unbefriedigenden Zahlenpotpourris
für die aktuelle Rheinlänge erschien es erforderlich,
die exakte Länge dieses bedeutsamen Stromes zu überprüfen
und gegebenenfalls neu zu bestimmen. Dazu wurden aus den
amtlichen SwissTopo-Karten 1 : 25000 und den topographischen
Karten 1 : 50 000 für den Bodensee die genaue Länge
der einzelnen Rheinabschnitte neu bestimmt. Danach betragen
die Fließlänge des längsten Rheinquellastes
Vorderrhein vom Maighels-Gletscher bis Tamins (Graubünden)
75,1 km und die Länge des anschließenden Alpenrheins
von Tamins bis zur heutigen kanalisierten Rheinmündung
in den Bodensee bei Fußach (westlich von Bregenz)
85,7 km. Der Weg des Rheinwassers durch den Bodensee (Obersee)
zwischen Fußach und Konstanz bemisst sich mit ziemlich
genau 41,0 km, wobei übrigens die Literatur auch für
diese Strecke mehrere Alternativangaben bereithält.
Eine weitere brauchbare Ausgangsbasis für die weitere
korrekte Längen-bestimmung des Rheins bietet die moderne
amtliche, im April 1939 eingeführte und unterdessen
international verbindliche Rheinkilometrierung, die mit
Rheinkilometer 0 in der Achse der Konstanzer Rheinbrücke
beginnt und mit Rheinkilometer 1032,8 an der Rheinmündung
des Nieuwe Waterweg in die Nordsee nordwestlich von Hoek
van Holland endet. Bei der Bewertung der Zahlenangaben auf
den am Rheinufer aufgestellten weißschwarzen Markierungstafeln
ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Rhein mit
dem Beginn des Mittelrheinabschnitts nördlich von Bingen
etwa 1,2 km kürzer ist, als es die Sichtzeichen angeben
(vgl. Kuhr 1972).
Die aktuelle Gesamtlänge des Rheins errechnet sich
damit unter Berücksichtigung der bekannten Fehlstrecken
in der amtlichen Kilometrierung zwischen Hoch- und Mittelrhein
vom Quellgebiet des Vorderrheins bis zum (ehemaligen) natürlichen
Ende des Mündungsarmes bei Hoek van Holland auf (gerundet)
1233 km. Unberücksichtigt bleibt die jüngere wasserbauliche
Vorstreckung der eigenartigerweise Maasmond bzw. Nieuwe
Waterweg genannten Rheinmündung bei Hoek van Holland
durch den knapp 2 km langen Noorderdam sowie die künstlich
aufgeschütteten Hafenanlagen der Maasvlakte, an deren
nördlicher Uferlinie (Zuiderdam) die Rheinkilometrierung
bis 1035 fortgeführt wird.
Aus dem weiteren Inhalt des Heftes Nr. 61
- Das Devon-Meer - Leben vor unserer Zeit
- Schnapsbrennen am Rhein
- Zwei Oldtimer der Rheinschifffahrt
Das Heft kann im Rhein-Museum für 8 Euro erworben
werden.
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